Wie Tag und Nacht

Viele Geschichten beginnen im Nichts, jenem Zustand bevor alles war. Sich zu fragen, wie lange das Nichts existierte, woraus es bestand und welchen Raum es einnahm, ist sinnlos, denn es überdauerte einen Augenblick und eine Ewigkeit, war aus Unwirklichkeit und Wirklichkeit gestrickt und hatte die Größe eines Sandkorns, das sich unendlich ausdehnte. Die Leere war alles.

Gleichzeitig, davor und danach existierten zwei Präsenzen. Sie waren Teil des Nichts und doch war es auch Teil von ihnen. Sie waren das Licht und die Dunkelheit, doch konnten sie nichts erhellen, noch in Schatten legen. Sie waren Leben und Tod, obgleich sie weder geboren wurden, noch starben. Sie waren Liebe und Hass, wenn sie auch nur sich selbst verführen oder verdammen konnten. Sie waren Gemeinschaft und Einsamkeit, denn sie waren unendlich im Sein und Nichtsein.

Das Paradoxon ihrer Beschaffenheit quälte sie, und es war dieses Leid, das ihr Bewusstsein schuf und definierte. Und so begann alles im Unglück. In einem keimte die Wut, im anderen die Trauer dort, wo nichts wachsen konnte. Von einem Augenblick zum nächsten vermehrten sie diese Gefühle und füllten aus, was sie zugleich schufen. Raum und Zeit waren geboren.

Doch wo zuvor nichts war, dehnte sich nun in die Unendlichkeit und Ewigkeit lediglich Leid aus. Mit der Realität hatten sich die beiden auch Körper geschaffen, zwei einzelne Punkte ohne Ende, die in sich selbst verloren waren. Die Trauer suchte Zuflucht bei der Wut und wollte sich gemeinsam der Einsamkeit entgegenstellen. Doch die Wut war bereits zu groß und zu verbittert. In einer wahnsinnigen Raserei stürzte sie sich auf die Trauer und versuchte sie zu vernichten.

Doch obwohl die Wut glaubte, gewonnen zu haben, blieb eine Wehmut von Trauer zurück. Sie verteilte sich in winzigen Tröpfchen über die Unendlichkeit, ganz unbemerkt von der Wut. Schmerz und Einsamkeit in ihr waren so groß, dass sie sich langsam zu Planeten, Gestirnen, Sonnen, Kometen, Nebeln und Monden formte, um dort, wo es möglich war, Leben einen Raum zu schenken. Um nicht mehr einsam sein zu müssen.

Und mit jedem Bewusstsein, das sie gebar, legte sich ihre Trauer und verwandelte sie sich in Zufriedenheit. Mit jedem Augenblick, den das Leben genießen durfte, fand Glück und Freude Einzug in Raum und Zeit. Schlussendlich durchströmte die Harmonie von Milliarden Wesen die fast unsichtbaren Risse, die sich zwischen den einst so unbedeutenden Flecken Trauer gebildet hatten.

Die Liebe und das Universum waren erschaffen.